Beatrix
geräumige und lichtdurchflutete 3,5 Zimmer Wohnung lag in einem
Viertel, in welchem die Moderne seit einigen Jahren Einzug gefunden
hatte.
Zumindest
empfand sie es so. An jeder Ecke gab es kleine Bars und Cafes, in
welchen man Sushi, selbstgemachte Pralinen oder auch vegane
Gaumenfreuden konsumieren konnte. Abends herrschte auf den Straßen
ein stetiges Wuseln. Es gab viele kreative Menschen in der Gegend. So
weit Beatrix dies beurteilen konnte, ging im Viertel fast jeder
irgendeinem Projekt nach. Gegenüber ihrer Wohnung hatte gerade eine
Galerie für afrikanische Gegenwartskunst frisch eröffnet. Eine
ihrer Nachbarinnen betrieb einen größeren youtube Kanal, auf
welchem sie ihre Aktzeichnungen vorstellte.
Trotz
allem lebten in dem Viertel viele Kleinkinder und Babys. Besonders in
den Mittagsstunden und bis zum Einbruch der Dämmerung überall
Mütter mit ihren Doppel Kinderwägen und Coffee to go Bechern.
Vor ein
paar Jahren lebten in ihrem Viertel vor allem noch Rentner und
Arbeiter. Die Fassaden waren damals alle viel grauer. Beatrix konnte
dies beurteilen, den sie lebte bereits das siebte Jahr in ihrer
Wohnung. Damals gab es 2 Eckkneipen für Menschen jenseits der 70.
Ansonsten neben einer Bäckerei nicht viel Abwechslung.Nach 19 Uhr
wurden sprichwörtlich die Gehsteige hochgeklappt.
Als ein
Investor mehrere Blocks von der hiesigen Wohnbaugesellschaft gekauft
hatte, wurde es dann fast über Nacht komplett anders. Die Häuser
erhielten einen neuen modernen Anstrich; Farbe kehrte ein und
Gewerberäume wurden geschaffen. Viele der gleichfalls grauen
Vorbewohner zogen in den folgenden Jahren weg. Oder starben. Beatrix
war sich diesbezüglich nicht ganz sicher.
Leben in
die Gegend war aber eigentlich schon früher gekommen. Ungefähr vor
5 Jahren, als drei Straßenzüge weiter in einem still gelegten
Fabrikareal der neue Elektro Club der Stadt eröffnet hatte.
Plötzlich wollten alle in das vormals eher als langweilig geltende
Kiez ziehen. Beatrix machte sich eigentlich nicht viel aus
Clubbesuchen.
Um bei
ihren Arbeitskollegen anerkannt zu bleiben, blieb ihr allerdings
gelegentlich Freitags nichts anderes übrig, als Ja zu sagen. Ja zu
stundenlangem dumm herumstehen um eine meist total überfüllte Bar.
Ja zu viel zu lauten Bässen aus viel zu großen Boxen.
Ihr
„Friend with spezial benefits“ Mohamed war
diesbezüglich anders gepolt. Er wollte praktisch jedes Wochenende in
den Club. Beatrix wusste, das er sporadisch in gute Bekannte etwas
Weed verkaufte. Sie fand diese Tatsache moralisch durchaus
vertretbar. Schließlich konsumierte er selbst keine Drogen.
Zumindest beteuerte er dies mantrahaft regelmäßig. Außerdem
brauchte er das Geld für seine kranke Mutter. Meistens blieb Beatrix
allerdings zu Hause, wenn es Mohamed in das Nachtleben zog.
Die
Mieten waren in den letzten Jahren natürlich schon arg nach oben
geschnellt. Genau genommen um fast 120 Prozent die letzten 7 Jahre.
Da Beatrix inzwischen gut verdiente, war ihr diese Kostensteigerung
recht egal. Ein Kiez mit hohen Wohnkosten hatte nämlich durchaus
auch seine Vorteile. Es hielt solche Versager wie vorhin vor dem
Supermarkt fern. Und alte Menschen leben doch meistens lieber im
grünen.
Vor
ihrem generalsanierten Wohnblock legte sie ihren Daumen auf einen
Sensor. Wie von Geisterhand gesteuert öffnete sich die im Bauhaus
Stil gestaltete Eingangstüre. Das Treppenhaus war dezent, aber
perfekt ausgeleuchtet. Für die Treppenhausbeleuchtung hatte der neue
Investor extra einen Light Artist aus Mailand verpflichtet. Als sie
damals einzog, spendeten hier noch profane und zumeist vergilbte Neon
Leuchten Erleuchtung. Ihre Einkäufe zog Beatrix mittels eines
Trollys hinter sich her. Sie freute sich auf Essen. An ihr Sodbrennen
hatte sie sich inzwischen gewöhnt.
Selbst
der Aufzug hatte eine General Überholung erhalten. Der einst simple
70er Jahre Stil der Marke höchstens 8 Personen mit 500 kg.
Leibesfülle war einem eleganten Hybrid aus Tradition und Moderne
gewichen. Modernste Digital Technik , welche ihren Dienst in einem
im Chandler Stil der 40er Jahre gebauten Aufzug verrichtete.
Beatrix
fand diese Veränderungen toll. Auch die unauffälligen und überall
im Treppenhaus angebrachten Überwachungskameras störten sie nicht.
Sie waren perfekt in die Architektur integriert und gaben ihr ein
Gefühl von Sicherheit. Jede Bewegung im Treppenhaus wurde
aufgezeichnet und bis auf Wiederruf digital gespeichert. Im
Bedarfsfall griff ein privater Sicherheitsdienst unmittelbar und
schnell ein.Seit Beatrix in dem Haus wohnte, war hier noch nie ein
Verbrechen passiert. Hierfür bezahlte sie gerne 90 Euro zusätzlich
im Monat.
Ihre
Wohnungstüre öffnete Beatrix gleichfalls mittels ihres
Fingerabdruckes. Sie hätte zwar auch einfach ihren Schlüssel
verwenden können. Ein normales Schloss besaß die filigran
verglaste Türe nämlich auch. Die Fingerabdruck Variante fand sie
aber deutlich schicker und erinnerte sie an diverse Ami Serien,
welche sie sich zugegeben mehr als regelmäßig reinzog. Die meisten
in ihrem Betrieb hatten derartige technische Spielereien zuhause
nämlich nicht vorzuweisen.
Außer
ihr konnten nur Mohamed und ihre Mutter Haus und Wohnung mittels
einfachem Daumendruck betreten. Beatrix war dies eigentlich nicht
sonderlich recht; hätte aber ansonsten in beiden Fällen eine
Kränkung wegen fehlendem Vertrauen nach sich gezogen. Gerade Mohamed
war in dieser Beziehung recht eigen.
In ihrer
Wohnung befahl sie als erstes ihrem intelligenten Boxen System per
Sprachsteuerung, dezente Hintergrundmusik zu spielen.
Es
erklang 'I Will Always Love You' von Whitney Houston . Nicht ganz
zufällig.
Ihre
Boxen wussten wahrscheinlich mehr über Beatrix als sie selbst.
Immerhin konnten nämlich auf ihr Surf- und Einkaufsverhalten im Netz
zugreifen. Und dies über Jahre.
Außerdem
hatte sie sich mit zwei ihrer Freundinnen des öfteren über die
leider viel zu früh verstorbene Soul Diva unterhalten. Diese
Gespräche waren dem Algorithmus der Boxen augenscheinlich nicht
unerkannt geblieben. Boxen war sowieso ein fast schon
herabwürdigender Ausdruck für diese tolle Erfindung. Hiermit konnte
sie sämtliche ihrer Elektro Geräte intelligent per Sprache steuern.
Gerade im Falle des Fernsehers fand Beatrix dies unglaublich cool.
Zeige mir eine Doku – und zack – sofort war auf dem Bildschirm
etwas zu sehen, was wirklich ihrem Geschmack entsprach. Sie liebte
Technik, welche einem das Leben derart einfach macht.
Nachdem
sie ihre Einkäufe in den im 50er Jahre Stil gehaltenen Kühlschrank
einsortiert hatte, beschloss Beatrix, das es Zeit für bequemere
Kleidung ist. Ihre Jeans rieb weiterhin rigoros an ihrem teilweise
wund gescheuerten Bauch. Sie durfte später auf keinen Fall
vergessen, Dr. W. Verschriebene Salbe auf die geröteten Stellen
aufzutragen.
Außerdem
hatte sie das Gefühl, das ihre Straßenkleidung nach Moder und
Verfall roch. Auf der Supermarkt Toilette hatte sie sich sicher
gefährliche Bakterien eingefangen. Beatrix schauderte leicht.
Ihr
gleichfalls über intelligente Digital Technik verfügende
Kleiderschrank empfahl ihr via beruhigender Frauenstimme daher den
japanischer Kimono, welchen sie vorigen Monat bei einem bekannten
Online Händler erstanden hatte. Diesen Vorschlag fand Beatrix in
Anbetracht ihrer momentanen Verfassung mehr als angemessen. Obwohl
noch nie in ihrem tatsächlich in Japan gewesen, hatte sie bereits zu
Kindertagen ein Faible für dieses Land entwickelt. Mangas lass sie
unglaublich gerne. Außerdem war er unglaublich bequem und kaschierte
vortrefflich ihren Walroß haft aus den Fugen geratenen Bauch.
Beatrix
zog sich aus und beförderte ihre heutige Kleiderwahl in ein
Behältnis, welches ihre Anziehstücke anschließend sortierte,
reinigte und wieder an die vorgesehenen Stellen in den Schränken
beförderte.
Intelligent
Clothing hieß dieses System, welches erst seit einem Jahr auf dem
europäischen Markt eingeführt worden war.Sündhaft teuer aber im
täglichen Konkurrenzkampf mit ihren Kolleginnen ein echtes
Alleinstellungsmerkmal. Noch 43 Monatsraten und es gehörte bis auf
den letzten Chip ihr. Dafür lohnte es doch zu arbeiten und Karriere
zu machen.
Die ersten 9 Kapitel als praktisches Ebook ?

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