Donnerstag, 24. Januar 2019

Folge 010 (25.1.19)


#Serge Nimmersatt (Kapitel 10)


Auch in neoliberalen Zeiten macht zumindest in Deutschland fast jeder Supermarkt irgendwann zumindest für ein paar Stunden seine Pforten dicht. Für Serge und seine Kollegas bedeutete diese an sich begrüßenswerte Tatsache ein echtes Nachschubproblem. Den pünktlich um Mitternacht saßen sie mit einem Male komplett auf dem trockenen. Nichts mehr zu saufen. Leere Flaschen machten ihn immer etwas depressiv und traurig. Alles ist dann irgendwie vorbei. Leergut erinnerten ihn an seine Endlichkeit.
Eigentlich hatte er ja fast genug. Nach den kleinen Feiglingen war er vernünftig geworden und endlich auf Vodka umgestiegen. Seltsamerweise hatte ihn der Kartoffelschnaps aber eher wieder nüchtern gemacht. Wie auch immer – er wollte auf jeden Fall noch weiter saufen.
Seine Kumpels schienen ihm für dieses Vorhaben eher weniger geeignet. 


Hans Dieter lag bereits seit einer halben Stunde neben seiner Kotzlache und schlief. Na ja, warm genug heute Nacht – soll er halt weiter pennen. Zum Glück hatte der Filialleiter des Supermarktes heute frei und seinen Angestellten das Feld überlassen. Ansonsten wären wahrscheinlich längst die Bullen gekommen. Er beschloss dennoch, morgen vor einen anderen Supermarkt zum trinken zu gehen. Gras über die Sache wachsen lassen. Von dem fetten Fickfleisch hatte er die Autonummer ja notiert.

Serge kontrollierte seinen Geldbeutel und konnte mit Freude feststellen, das in ihm noch 20 Euro enthalten waren. Weiter saufen also gesichert. Aber am besten alleine. Rolf hatte nämlich keinen Cent mehr im Sack. Und Marcel in den meisten Kneipen, welche noch offen hatten, Hausverbot.
Er beschloss, eine Mischung aus Kneipe und Imbiss in Bahnhofsnähe aufzusuchen. Gerade um die Ecke und günstige Spritpreise. Und vielleicht gab es dort ja auch noch etwas zu ficken. Seine Nille brannte und jukte zwar immer noch wie Fegefeuer – aber für eine alte Alki Schlampe wird es wohl noch ausreichen. Er stellte sich vor, dem dicken Fickfleisch von vorhin in das Gesicht zu spritzen. Aber jetzt brauchte er erst einmal was zu saufen. Sein Arztbesuch stand ja erst um 10.15 an. 

Der Imbiss wirkte ungeputzt und schäbig. Eher klein geschnitten luden drei Tische zum Verweilen ein. Die Außenbestuhlung war um die Urzeit bereits aufgebockt. Kleine Bar mit weiteren sechs Sitzplätzen. Abgerundet durch zwei Spielautomaten und eine vor fett triefenden Mikrowelle. Helles Neonlicht. Geruch von Bier und Schweiß in der Luft.
Trotz unter der Woche und inzwischen weit nach Mitternacht war der kleine Laden beachtlich voll. Genau wie seine Gäste. Obwohl die vor fett triefende Mikrowelle vielleicht anderes vermuten ließe, besuchte dieses Etablissement niemand zur Befriedigung seiner kulinarischer Bedürfnisse. Dementsprechend lange lagen die Hähnchenschenkel auch bereits schon in der Fieberglas geschützten Auslage. Saufen; hier wollten alle nur saufen. Oder zocken und saufen.

Der Wirt, ein kleingewachsener Mann um die 60 und irgendwie an eine idealtypische Karikatur von Luis de Funes erinnernd, begrüßte Serge kurz, erinnerte ihn an einen alten Deckel von 7,80 Euro und stellte ihm dennoch einen Schnaps samt Bier auf den Tresen. Serge setzte sich auf den einzigen freien Barhocker und trank einen großen Schluck aus der eiskalten braunischen Röhre. Sein Magen krampfte sich kurz zusammen, doch der Gerstensaft blieb glücklicherweise unten. 

 

Beide Geldspielgeräte wurden von einem jüngeren und für die Gepflogenheiten des Etablissement sportlich elegant gekleideten Mannes bespielt. Augenscheinlich Türke; zumindest unterhielt er sich mit seinem daneben stehenden Kumpel in dieser Sprache. Eventuell aber auch Araber, welche türkisch sprachen. Ihre perfekt getrimmten Bärte glänzten förmlich vor Gel.

Erhitzt stritten sie sich über den trefflichen Gebrauch der Risikotaste :“Bruder, für 140 Euro musst du viel schneller drücken. Oder mach besser Karte – habe in geheimen Internet Forum gelesen – momentan immer schwarz, schwarz, schwarz, rot, schwarz“. Unbeirrt hämmerte der andere aber weiterhin auf die Risikotaste ein.
Ich muss nur schneller drücken; dann kriege ich 140 Euro. Ich schwöre“.
Da er für den geglaubten Anspruch des Automaten aber immer noch einen Tick zu langsam war und das aktuelle Guthaben bei gerade noch 1,50 Euro lag, schob er einen weiteren 20 Euro Schein in das Geldspielgerät.

Automat ist wie Frau – wenn du ran willst, musst du erst investieren. Ich spiele jetzt 1 Euro Fach. Mit 20 Cent pro Dreh denkt Maschine noch , das ich armer Hund bin. Abdul fährt 4er BMW und macht Business. Fahrer Job ist nur zum Spass“.
Stolz gestikulierend zeigte er auf einen silber matten und tiefergelegten Waagen, welcher auf dem einzigen Parkplatz vor der Lokalität abgestellt stand.
Weitere 20 Euro wurden in die empirische Überprüfung unterschiedlicher Risikoleiter Theorien investiert. Beide nukelten an ihrem Vodka Bull.

 
Serge fand, das der Anis Schnaps etwas arg verdünnt schmeckte. Zumindest merkte er von dem Gesöff nichts. Als er sein Stamperl geleert hatte, schenkte der Wirt ungefragt nach.
Ist von Sabine. Die hat heute Geburtstag“.
Von einem der drei Tische prostete Serge eine etwa 50 jährige Frau mit viel Schminke und wenig Zähnen zu. Zwei weitere Typen saßen mit ihr am Tisch, welcher die Last von vielen leeren Bier-, Wein und Schnaps Gläsern zu tragen hatte. Serge kannte die drei flüchtig. Trunkenbolde wie er selbst auch. 

Sabine hatte wohl sogar Abitur. Dann war sie aber vor 25 Jahren besoffen vom Motorrad gefallen. Ohne Helm direkt auf den Kopf. Seither etwas matschbirnig und tagsüber in einer Behindertenwerkstatt beschäftigt. Meistens aber am Wein saufen. Und wenn man seinem Kumpel Hans Dieter glauben konnte – leicht zu ficken. Serges von Nillenkäse geplagte Eichel brannte immer noch. Er spürte die Ahnung einer Erektion.
Der Wirt stellte billige Supermarkt Erdnüsse auf den Tresen. Umsatzmaximierung : salzige Nuss macht durstige Männer noch durstiger.
Sabine hatte bereits merkliche Sprachfindungsstörungen und forderte Serge vehement schreiend auf, sich gleichfalls an den Tisch zu setzen. Seit ihrem Unfall hatte sie Schwierigkeiten, ihrer Stimme eine angemessene Lautstärke zu verleihen. Entweder zu laut oder zu leise. Meistens aber deutlich zu laut. 

Nach weiteren sieben 20 Euro Scheinen fanden sich die zwei gegelten Bartträger endlich auf dem Olymp ihres Risiko Tasten verprügelns. Virtuelle Raketen zeigten sich auf dem Display – Trommelwirbel – die 140 Euro wiesen den Weg in den Automatenspieler Himmel.
Bruder, so musst du es machen. Wie bei Kitzler von Frau. Ich zeige dir noch einmal, wie das geht“.
Abdul buchte weitere 20 Euro auf und erhöhte auf 2 Euro Fach. Den zweiten Automaten ließ er per Vollautomatik auf 40 Cent Fach durchlaufen. Falls nötig, schob er einen weiteren Schein nach. Geld hatte er momentan genug. Sein Schlangenleder Geldbeutel platzte fast vor Scheinen. Die Geschäfte liefen ausgezeichnet.

Serge kippte seinen zweiten Schnaps, schnappte die halb geleerte braunische Röhre und kam Sabines Aufforderung nach. Sie roch penetrant nach günstig erstandenem Frauen Parfüm. Und reichlich gesoffenem Wein. Lippenstift und Make Up waren reichlich aufgetragen. Bluse einen Tick zu weit geöffnet. Glasige Augen und frisch gepimpte Fingernägel in hellrot.
Bestelle dir was zu saufen. Ich habe heute Geld bekommen“.
Serge setzte sich und kam ihrer Aufforderung in Form eines doppelten Vodkas samt Bier ohne weitere Widerrede nach. Das alte leerte er auf ex.
Ihre linke Hand gliet über seinen Oberschenkel. Mit der rechten prostete sie ihm zu.
Ich habe heute nämlich Geburtstag“.
Einer der anderen Typen am Tisch dämmerte vor sich hin. Seine Augen waren geschlossen ; er schnarchte regelmäßig unregelmäßig.
Serge stieß mit dem Geburtstagswrack an und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sabine drehte ihm sofort den Mund hin. Sie roch etwas nach Zwiebeln. Etwas viel nach Zwiebeln. Und Knoblauch.

Typ Nr.2 klaute dem schlafenden einige Kippen aus der Schachtel und verzog sich zum rauchen nach draußen in den Biergarten. Er starrte auf die gegenüberliegenden Bahngleise und beobachtete den gerade vorbeirauschenden Fernzug. Zwei Bahnarbeiter machten es sich rauchend an den Parallelgleisen zu schaffen. Wartungsarbeiten bis 05.00 Uhr morgens.

Sabines Zunge war trotz ihres fortgeschrittenen Weinkonsums schnell wie eine Klapperschlange. Ohne Vorwarnung vorschnellend , hatte Serges von Ekzemen nicht unverschont gebliebener Mund keine Gelegenheit der Gegenwehr. Tiefer und tiefer erkundete sie seinen Mundinnenraum. Ihr linke Hand hatte seinen Hals ergriffen. Künstliche und viel zu lange Fingernägel bohrten sich in Nacken Fleisch. Leichte Schmerzen und Anzeichen von Würgen – trotzdem halb steifer Schwanz.

Der kleingewachsene Wirt und ein älterer Mann an der Bar stritten lautstark über Politik und die genaue Höhe eines alten Deckels. Obwohl beim Thema Politik selten ein Konsens zu erzielen ist und sich der Differenzbetrag um weniger als 1 Euro belief, gipfelte sich der Twist immer weiter zu. Beide schrien; beide hatten tomatenhaft rote Köpfe. Prinzipien Reiter in Reinkultur. Alle möglichen und unmöglichen Tiernamen wurden beidseitig durchexerziert. Blutdruck auf Rekordjagd.

Aus halb steif wird gelegentlich ganz steif und jedes Glas ist irgendwann einmal leer. Serge wollte saufen und gegebenenfalls ficken. Vor allem aber saufen. Trotz seines Streitgespräches bemerkte das Louis de Funes Double die Getränke Misere am Tisch quasi in Echtzeit. Da er wusste, das Sabine ausnahmsweise über ausreichend bares verfügte, goss er Serges Schnaps Stamperl sofort wieder voll. Eine weitere Flasche Bier fand seinen Weg auf den Bistro Tisch.
Für den Bruchteil von einigen Sekunden wurde das eigene Streitgespräch unterbrochen. Der beteiligte ältere Mann hielt sich gleichfalls an die kurze Waffenruhe.

Auch Sabine ließ kurz von Serge ab. Sie genehmigte sich einen großen Schluck aus ihrem Weißweinglas, schnappte sich eine ihrer Zigaretten und verzog sich zum Rauchen vor die Türe.
Da die Konzession des Etablissement auf Speiseimbiss lief, herrschte seit einigen Monaten im Inneren zum Leidwesen aller Rauchverbot. Typ Nr.2 starrte immer noch rauchend auf die Bahngleise. Sabine stellte sich neben ihn und zündete sich gleichfalls einen Glimmstängel an. Sie inhalierte tief. Ihre Haltung war leicht gebeugt. Für die nächsten Stunden würden keine Züge mehr vorbeifahren. Die Bahnarbeiter konnten in Ruhe ihre Arbeit verrichten.

Serge beobachtete das Treiben vom Tisch aus und war froh, für einige Minuten seine Ruhe zu haben. Er nahm einen kleinen Schluck aus seinem Vodka. Nach dem Termin bei Dr. W wollte er wieder vor einen Supermarkt zum saufen. Das annehmbare Wetter etwas ausnutzen.Wenn alles normal lief, würde er einen Teil der verschriebenen Tabletten sofort wieder verkaufen.

Hans Dieter war ziemlich auf dem Geier und hatte dank regelmäßiger Einkäufe bei der Tafel noch genug Geld übrig. Aber morgen ist Zukunftsmusik und heute schien der Vodka nie leer zu werden. So gefiel ihm das. An sein Magen Brennen hatte er sich seit Jahren gewöhnt. Er dachte kurz an das dicke Fickfleisch aus dem Supermarkt. Der Zettel mit ihrer Autonummer lag in seiner Hosentasche.
Sabine und der andere Typ befummelten sich draußen vor der Türe; Wirt und älterer Mann waren weiter in ihren nicht enden wollenden Streit vertieft. An den beiden Geldspielautomaten wurde weiter auf hoher Fachzahl weiter geballert. Die Risikoleiter hatte sich bereits seit längerem in den Feierabend verabschiedet. Die beiden perfekt getrimmten Bartträger schien dies nicht weiter zu interessieren.
Mehr Vodka wollte in Serges Magen. Die Gelegenheit heute würde er nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Nach einigen Minuten kam Sabine alleine wieder zurück in den Laden. Typ Nr.2 hatte sich ohne weitere Erklärung torkelnd und schimpfend in die Nacht verabschiedet. Ihr Gang wirkte unkoordiniert; mit Mühe traf sie ohne weitere Komplikationen ihren Sitzplatz. Der Schläfer döste noch immer. Seine überdimensioniert wirkende Zunge hing ihm leicht aus dem Mund. Mittelfristig drohte er vom Stuhl zu rutschen.
Gefliester Boden mit Fett Schlieren. Vor einer Woche zum letzten Mal durchgewischt.

Mit den Worten „Was für ein Arschloch“ griff Sabine nach ihrem Weinglas und nahm einen tiefen Schluck. Rotze lief ihr die Nase herunter. Ohne weitere Vorwarnung griff sie wieder nach Serges Nacken und begann erneut , ihre immer noch wendige Zunge in seinen Mund zu schieben. Er erwiderte ihr Ansinnen und griff mit seiner rechten Hand unter ihren khakifarben Pullover. Einen Büstenhalter trug sie nicht. Die großen Brüste fühlten sich etwas teigig an. Überdimensionierte Brustwarzen, welche sich rasch aufrichteten.
Sie griff ihm in den Schritt. Ungewaschenes Segel immerhin halb aufgerichtet. Die entzündete Eichel schmerzte. Egal. Ihr Speichelfluss war nicht von dieser Welt. Zwiebelreste wechselten die Münder. Serges Mundekzeme schmerzten leicht. Hiergegen half aber mehr Vodka. Außerdem hatte er noch Schmerztabletten zu Hause. Diese hatte ihm der Herr Doktor beim letzten Besuch förmlich aufgeschwatzt. Trotz aller Sauferei heute waren seine Eier bis zum Anspannen geladen. Serge bildete sich ein, das seine Eichel fortwährend Sperma gegen seine bereits gelbliche Unterhose schleudern würde. Vielleicht war es auch Eiter Sekret – aber was spielte das auch für eine Rolle.

Die anderen Gäste waren in ihrer eigenen Welt gefangen. Serges und Sabines gab es hier fast täglich; das eigene leere Glas wichtiger. Einer der getrimmten Bartträger verließ die Lokalität zum telefonieren. Pathetisch gestikulierend redete er auf sein Smart Phone ein. Ein Streifenwagen mit eingeschaltenem Blaulicht fuhr mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Bahnhof. Hiervor lagen bereits die Tageszeitungen des nächsten Tages zur Abholung bereit. In 2 Stunden würde der Imbiss für eine Stunde schließen. Dann würde sich das Spiel wieder wiederholen.

DrW räkelte in seinem geräumigen Bett, schlief tief und träumte von einer weiteren Vergrößerung seiner Praxis. Seine 7 Zimmer Wohnung befand sich in einer verkehrsberuhigten Nebenstraße inmitten der Altstadt. Gehobene Wohngegend; Studenten lebten hier schon lange nicht mehr. Selbst für die Fraktion „Mein Papi hat eine Praxis /-Kanzlei und sucht mich als Nachfolger“ war der Kiez zu teuer.
Dr W hatte es geschafft. Endlich floss das Geld – vorbei die Zeiten, als sich bestenfalls 1 Patient pro Stunde in seine Praxis verirrte. Er gehörte jetzt dazu. Nur die Krankenkase tadelte ihn gelegentlich. Sein Rezept Aufkommen war zugegeben etwas stark über dem regionalen Durchschnitt. So lange aber deren Geld pünktlich floss, war ihm dies relativ egal. Er gab den Menschen einfach das, was sie wollten. Endlich konnte er sich auch gebührend um sein Steckenpferd kümmern. 

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